Die 13 Thesen

III.

Es ist unbestritten: Wir verfügen in Deutschland über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Es bringt medizinische Spitzenleistungen hervor und bietet seinen Patienten und Kunden eine Versorgung auf hohem Niveau. Wir stehen aber zugleich vor immensen Herausforderungen und vielfach unbefriedigenden oder fehlenden Antworten auf drängende Fragen.

Der Club der Gesundheitswirtschaft ist keine klassische Lobby-Gruppe. Er vertritt keine privaten und keine individuellen Interessen bestimmter Unternehmen. Er bietet seinen Mitgliedern in erster Linie eine geschützte und vertrauliche Plattform des Austauschs und der Vernetzung. Der cdgw lebt aus der Berufswirklichkeit seiner Mitglieder. Das gegenseitige Verstehen, eine interne Kultur des Lernens voneinander und das Prinzip des Denkens ohne Grenzen, bestimmen sein Selbstverständnis. In diesem Sinne ist der cdgw auch eine Ideenschmiede, ein Ort der Exzellenz und ein von Kreativität geprägtes Sammelbecken reputierter Experten, Multiplikatoren und Führungskräfte.

Die folgenden dreizehn Thesen und Denkanstöße sollen deshalb helfen, den Fokus auf die Beantwortung für die Weiterentwicklung der Gesundheitswirtschaft essenzieller Fragen zu lenken. Sie sollen im ersten Schritt ein kursorischer und skizzenhafter Anstoß sein, längst notwendige Diskussionen zu führen und dazu beizutragen Lösungen zu erarbeiten. Der cdgw versteht sich dabei als Impulsgeber; der Wirtschaftsclub steht für weitergehende Gespräche gerne zu Verfügung.

  1. Deutschland braucht deutlich mehr Durchlässigkeit zwischen den unterschiedlichen Sektoren der Patientenversorgung. Die derzeitigen Strukturen sind nicht zukunftsfähig. Die Überwindung der Sektorengrenzen ist auch deshalb entscheidend, weil sie den Weg zum Ort der größten Effizienzreserven verstellen. Dies hemmt Innovationen und Fortschritt nicht nur aktuell, sondern auch perspektivisch. Denn wir werden in Zukunft (z.B. auch in der Pflege) eine stärkere Durchdringung mit medizinischen Leistungen erleben. Die Gesundheitswirtschaft braucht deshalb einen fairen Rahmen für den Markt, damit sich der Wettbewerb der Ideen, die Vielfalt der Angebote, eine bezahlbare Medizin für jedermann auf hohem Niveau und ein effektiver Einsatz der Mittel realisieren lassen. Wir sehen die Aufgabe des Staates primär ordnungspolitisch. Dieser Aufgabe kommt er heute in Teilen nicht nach, während er auf der anderen Seite zu stark regulatorisch eingreift.
  2. In der Gesundheitswirtschaft als (laut Koalitionsvertrag) "der wichtigste Wachstums- und Beschäftigungssektor in Deutschland" kommt es darauf an, Spielräume für unternehmerisches Handeln auszubauen und Wachstumsbremsen zu lösen. So können die schlummernden Beschäftigungspotenziale am besten gehoben werden. In einem geordneten Wettbewerb sollte es insbesondere darum gehen, dass Leistungs- und Kostenträger im Sinne eines fairen Wettbewerbs mit "gleich langen Spießen" über Qualität, Menge und Preis von Gesundheitsdienstleistungen auf Augenhöhe verhandeln können. Daher wäre es in hohem Maße zielführend, eine einheitlich geltende, räumlich bundesweite Marktabgrenzung verbindlich festzulegen, die in den Fusionskontrollverfahren des Bundeskartellamtes für Krankenkassen und Krankenhäuser Anwendung finden sollte.
  3. Die deutsche Gesundheitswirtschaft benötigt verlässliche Rahmenbedingungen und Standards, die den Einsatz moderner Technologien und Verfahren zum Austausch von Daten und zur Optimierung von Versorgungsprozessen (z.B. Telemedizin, Patientensicherheit) fördern.
  4. Wir benötigen mehr Transparenz. Die Patienten sollen wissen, was die für sie erbrachten Leistungen kosten. Die Abkehr vom Sachleistungsprinzip und die Umstellung auf das Kostenerstattungsprinzip sind deshalb dringend geboten. Wer gläsern wird, muss sich bewegen. Rationalisierungs- und Effizienzpotenzial können so noch besser erkannt und gehoben werden. Offengelegte Rechnungen haben sowohl etwas mit Transparenz und Vertrauen zu tun. Sie stehen aber zugleich auch im notwendigen Zusammenhang mit zu erbringenden Eigenleistungen der Patienten und der notwendigen Kosteneffizienz. Diese Elemente greifen ineinander.
  5. Auch die von Ärzten (vor allem im stationären Sektor) erbrachte Qualität der medizinischen Leistungen ist für Patienten weitgehend undurchschaubar, intransparent und nicht nachvollziehbar. Es bestehen große Unterschiede hinsichtlich der erbrachten Qualität; dies ist an Sterbeziffern und Komplikationsraten nach Eingriffen abzulesen. Qualität muss aber nachvollziehbar gemessen und für Laien einfach erkennbar und verständlich dargestellt werden.
  6. Die qualitativ hohen Leistungen in der Patientenversorgung sind dauerhaft mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aus dem Gesundheitsfonds nicht zu finanzieren. Eine Steuerfinanzierung sehen wir als den falschen Weg. Wir sprechen uns für eine vernünftige und angemessene Selbstbeteiligung der Patienten aus, die sozial gestaffelt gestaltet werden soll. Diese soziale Staffelung ist auch deshalb begründbar, weil alle Beitragszahler von allen Diagnosen und Behandlungen im System in Form von Qualität, Erfahrung, Innovation etc. profitieren.
  7. In der Gesundheitswirtschaft sollte der Fokus eindeutiger und stärker auf die Prävention gelegt werden. Der Blick darf nicht nur älteren und kranken Menschen gelten, sondern auch den nachwachsenden Generationen. Krankheiten wie Diabetes, Allergien und Adipositas, die heute schon stark verbreitet bei Menschen im jungen Lebensalter auftreten, gab es vor 50 Jahren nicht oder so noch nicht. Diese besorgniserregende Entwicklung braucht eine breite gesellschaftliche und politische Antwort. Prävention ist eine Leistung, die sich auf lange Sicht nicht nur selbst finanziert, sondern auch Kosten spart. Der tertiäre Gesundheitsmarkt ist in seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung noch nicht wirklich erkannt. Prävention als Schulfach ist ein Ansatz, sich diesem Themenkomplex anzunehmen.
  8. In einer Gesellschaft mit immer mehr älteren Menschen gewinnt die Pflege einen immer größeren Stellenwert. Die künftigen Bewohner von Pflegeheimen werden ganz anderen Lebensentwürfen folgen, als dies heute noch mehrheitlich der Fall ist. Dies macht eine viel stärkere Leistungsdifferenzierung erforderlich. Eine hochwertige Pflege wird künftig nur durch mehr Eigenbeteiligung finanzierbar sein. Allerdings widerspricht die Öffnung der Pflegeheime für Ein-Euro-Jobs den notwendigen Qualitätsanforderungen. Ein Lösungsansatz sind deshalb Zugangserleichterungen für ausländische Nicht-EU-Arbeitskräfte unter Einhaltung des EU-Qualitätsrahmens.
  9. Die Beibehaltung des hohen Standards in der Arzneimittelversorgung, wie es im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP formuliert wurde, ist ein anspruchsvolles Ziel. Die noch bestehenden Restriktionen beim Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken hemmen Innovation und Wettbewerbskraft. Zugleich müssen aber Qualität, Beratung und Dokumentation von pharmazeutischen Leistungen auch unter liberalisierten Rahmenbedingungen gesichert bleiben.
  10. Sowohl im ambulanten Bereich als auch im Krankenhaus wird der Mangel an Ärzten zu einem ernst zu nehmenden Problem für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung. Dort sollte über Ansiedelungsanreize über das Instrument eines differenzierten Vergütungssystems nachgedacht werden. Ebenso bedürfen Dauer und Qualität des Medizinstudiums einer Überprüfung und Anpassung an die aktuellen Herausforderungen.
  11. Der Koalitionsvertrag schreibt fest: "Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sollen nur unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen werden. Geschäftsanteile können nur von zugelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenhäusern gehalten werden. Wesentlich ist dabei vor allem, dass die Mehrheit der Geschäftsanteile und Stimmrechte Ärztinnen und Ärzten zusteht und das MVZ von Ärztinnen und Ärzten verantwortlich geführt wird." Dieser Festlegung fehlt die inhaltliche Begründung. Denn es gibt keinen zwingenden Sachzusammenhang zwischen der Ausübung des Arztberufes und der Organisationsform, innerhalb derer diese geschieht. Die Hauptaufgabe des Arztes ist die medizinische Leistungserbringung; aus dieser Qualifikation erwächst nicht automatisch die Fähigkeit zur Führung eines MVZ. Zudem ist eine gute Gesundheitsversorgung keine Frage von Eigentümerstrukturen. Vielmehr lebt sie vom Wettbewerb der Ideen und der Vielfalt der Angebote. Es sind die Patienten, die auch in Zukunft über das beste medizinische Angebot entscheiden können sollen. Der jahrzehntelang bewährte Grundsatz der Trägerpluralität aus dem stationären Sektor sollte daher auch für den ambulanten Bereich gelten.
  12. Die Kassenlandschaft verändert sich dramatisch. Wir beobachten Zusammenschlüsse und Fusionen gesetzlicher Krankenkassen. Ihre Zahl nimmt in der Folge deutlich ab (parallel wächst ihre Marktmacht). Dieser Entwicklung bei den Kassen, stehen die Versicherten und Patienten gegenüber, deren Interessenvertretung in diesem Prozess jedoch keine Entsprechung findet. Es braucht daher neue Organisationsformen für Patienten, um deren Rechte besser zu formulieren und zu vertreten. Wir erachten deshalb eine Art "ADAC für Patienten" als erforderlich.
  13. Moderne Gesundheitsversorgung ist wesentlich auch Wissensmanagement. Das medizinische Wissen wächst exorbitant, ebenso die über den einzelnen Patienten verfügbaren Daten. Es ist die Aufgabe des Wissensmanagements, Informationen über Patienten sinnvoll und zu seinem Nutzen zusammenzuführen, interdisziplinär und über die Sektorengrenzen hinweg. Dies geschieht zum Beispiel in einer elektronischen Patientenakte. Unter datenschutzrechtlichen Aspekten muss dem aber zwingend die aktive und positive Zustimmung des einzelnen Patienten zugrunde liegen.

Download: Masterplan Gesundheitswirtschaft

cdgw_Masterplan_Gesundheitswirtschaft.pdf

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