Die Gesundheitswirtschaft

Ein sicherer Hafen für Deutschlands Ökonomie

Die Gesundheitswirtschaft kann die Leitbranche des 21. Jahrhunderts werden: 13 Thesen des cdgw zu mehr Wachstum, Wettbewerb, Innovation und Effizienz

I.

Die Gesundheitswirtschaft ist der größte deutsche Ökonomiezweig. Doch ihre Bedeutung steht noch vielfach im umgekehrten Verhältnis zur Wahrnehmung ihrer Chancen und Potenziale. Fast fünfeinhalb Millionen Menschen arbeiten derzeit in der und für die Gesundheitswirtschaft. Im Jahr 2020 erwarten Experten schon rund sieben Millionen Beschäftigte.

Der Beitrag der Gesundheitswirtschaft zum Bruttoinlandprodukt der Bundesrepublik Deutschland von heute rund zehn Prozent, wird in den kommenden zehn Jahren auf geschätzte knapp 13 Prozent wachsen. Und das Volumen der nationalen Gesundheitswirtschaft wird zum Ende der kommenden Dekade auf 450 Milliarden Euro gestiegen sein.

Die Gesundheitswirtschaft ist schon heute eine herausgehobene Branche mit enormer Bedeutung für die Weiterentwicklung der Volkswirtschaft insgesamt. Sie bringt alle Voraussetzungen mit, weiterhin internationale Spitzenleistungen (z.B. in der Medizintechnik und Pharmaindustrie) sowie eine hochwertige Patientenversorgung und Gesundheitsdienstleistung zu erbringen und im Inland als Innovations-, Job- und Wachstumstreiber zu fungieren.

Die deutsche Gesundheitswirtschaft hat sich auch in der Finanzkrise als robust und wenig krisenanfällig erwiesen. Auf denjenigen Feldern der Gesundheitswirtschaft, die nicht mit dem Begriff "Gesundheitswesen" zu bezeichnen und die nicht primär dem staatlichen Sektor zuzuordnen sind, wurden auch in der Finanzkrise zusätzliche Arbeitsplätze und Wachstum generiert.

Die demografische Entwicklung und die alternde Gesellschaft werden die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, innovativen Lösungen und gesellschaftlichen Konzepten weiter vorantreiben. Dies eröffnet auch die Chance, Leistungen und Produkte der deutschen Gesundheitswirtschaft als Exportschlager zu vermarkten. Die Darstellung der deutschen Gesundheitswirtschaft als Branche ist zurzeit defizitär; es fehlen nachhaltige Konzepte, die Gesundheitswirtschaft in internationalen Märkten als Marke zu etablieren.

Die Gesundheitswirtschaft und die Gesundheitsversorgung in Deutschland befinden sich im internationalen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau. Doch das Erreichte zu erhalten und weiterzuentwickeln ist kein Selbstläufer. Richtig gesetzte politische und ökonomische Rahmen, können und sollen diesen Prozess deshalb dynamisieren. Aktuelle Entwicklungen in Politik und angekündigter Gesetzgebung lassen jedoch befürchten, dass die Gesundheitswirtschaft nicht in dem Maße unterstützt und begleitet wird, wie es notwendig wäre. Im Gegenteil: Es sind Hemmnisse und Restriktionen zu befürchten, die den Innovationsmotor Gesundheitswirtschaft zum Stottern bringen können. Die Gesundheitswirtschaft läuft deshalb Gefahr, ihre derzeitige Spitzenposition einzubüßen.

Die positive Entwicklung, die die Gesundheitswirtschaft in der jüngeren Vergangenheit genommen hat, verläuft derzeit – trotz bestehender Hemmnisse – immer noch relativ ungebrochen. Es ist die Realwirtschaft, die unser Land in der Krise stabilisiert und voranbringt. Die Gesundheitswirtschaft kann auch in schwieriger Zeit ein sicherer Hafen für Deutschlands Gesamtökonomie sein. Sie ist auf dem Wege zur Leitbranche des 21. Jahrhunderts. Dafür müssen jedoch die noch umherliegenden Stolpersteine und Schwellen beiseite geräumt werden. Dies beinhaltet auch eine langfristige und parteienübergreifende Rahmenplanung.

Diese Entwicklung ist auch vor dem Hintergrund des Vertrages von Lissabon, der gerade in Kraft getreten ist, zu betrachten. Die weitere Realisierung des europäischen Binnenmarktes für 350 Millionen Menschen in der Union (Konsumenten wie Produzenten) beschreibt auch in der Gesundheitswirtschaft den zunehmenden und nicht aufzuhaltenden Wegfall von noch bestehenden Restriktionen und die Abgabe von nationalen Souveränitätsrechten an die EU. In diesem Sinne ist auch die in Vorbereitung befindliche EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Patientenversorgung zu verstehen. Auf diese Entwicklungen müssen sich nationale Politik und die Akteure der deutschen Gesundheitswirtschaft einstellen und sie aktiv gestalten. Denn Innovationen und Investitionen entscheiden ganz wesentlich über den Fortschritt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit in der Gesundheitsversorgung.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich derzeit dramatisch und nachhaltig. Wir agieren in einer Gesellschaft des zunehmend längeren Lebens, verbunden mit all den Ansprüchen, die Menschen an Gesundheit, Aktivität und Versorgung stellen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen enorm, während ihre Finanzierung stetig schwieriger wird und an Grenzen stößt.

Die Frage der Finanzierbarkeit moderner Medizin ist in unserem Land nicht befriedigend beantwortet – zumal in Zeiten der Finanzkrise mit absehbar höherer Arbeitslosigkeit und den daraus resultierenden Konsequenzen für die finanzielle Ausstattung der Sozialsysteme, insbesondere der Krankenversicherung.

Daran knüpft nun auch unmittelbar die Frage an nach der Rolle des Staates und des Ordnungsrahmens, den er setzt. Welche Aufgaben der Staat also in der Gesundheitswirtschaft hat, muss rasch und intensiv diskutiert werden. Auch Fragen danach, wie die Rationierung von Gesundheitsleistungen zu vermeiden ist, müssen offen gestellt, diskutiert und letztlich ehrlich beantwortet werden. Und dies vor dem Hintergrund immer noch bestehender Überkapazitäten in der stationären klinischen Versorgung im Krankenhaus. Eine der großen Aufgaben insgesamt liegt darin, die Rolle des Staates und seine Aufgaben im Hinblick auf die Gesundheitswirtschaft innerhalb der sozialen Marktwirtschaft neu zu justieren.

Nur wenn wir diese und andere Fragen offen ansprechen, sie breit diskutieren und unvoreingenommen Konzepte zu ihrer Lösung erarbeiten, machen wir unser Land zukunftssicher und geben der Gesundheitswirtschaft die echte Chance, den Megatrend in diesem Jahrhundert zu setzen.